https://mobirise.com/

Martinskirche - Filderdom

Die von Christian F. Leins erbaute, neugotische Martinskirche, der "Filderdom". Das Bauwerk war mit seinem 63 Meter hohen Turm die weitaus größte Kirche auf den Fildern. Der Stuttgarter Architekt und Baumeister Christian Friedrich von Leins (1814 bis 1892) schuf neben vielen anderen Bauwerken auch den Königsbau, die Villa Berg und die Johanneskirche.

Die Geschichte der Martinskirche

Von dem Aussehen der Möhringer Martinskirche können wir uns erst seit den Neu- und Umbauarbeiten in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ein Bild machen. An einen älteren, romanischen Vorgängerbau erinnern lediglich noch die beiden Säulen, die heute die Innenseite des Spitalhoftores zieren.

In der Mitte des 15. Jahrhunderts war die Kirche so baufällig geworden, dass eine Erneuerung erforderlich wurde. Nachdem 1459 sogar der Kirchturm einstürzte, wurde mit dem Baumeister der Esslinger Frauenkirche, Hans Böblinger, ein Vertrag zu dessen Neubau geschlossen. Die vermutliche Fertigstellung zeigt ein Schlussstein des unteren Turmgewölbes, der die Zahl 1466 trägt. Zwei Jahre danach erhielt der Turm eine neue Glocke, auch das spätgotische Netzgewölbe im Chor stammt aus dieser Zeit. Die beiden Epitaphe befanden sich zu dieser Zeit noch unten am Turm, erst Christian F. Leins hat sie Ende des 19. Jahrhunderts in die Südwand des Chors eingebaut.

Ende des 16. Jahrhunderts wurden im Innenraum der Kirche wichtige Verbesserungen vorgenommen. Die Jahreszahl 1595 über der Tür zur Sakristei erinnert an das Jahr, in dem der neue Taufstein eingeweiht und vermutlich auch die Orgel auf der Empore errichtet wurde. In jene Zeit fiel auch der Bau der Empore auf der die Männer dem Gottesdienst beiwohnten während Frauen und Kinder unten Platz nahmen.

Die alte Möhringer Kirche wurde im Lauf des 19. Jahrhunderts für die langsam aber stetig anwachsende Kirchengemeinde zu klein. Neubaupläne kamen auf, die durch die Baufälligkeit des Turmes angeregt wurden. Trotz erheblicher Probleme bei der Finanzierung wurde 1852/53 der Kirchturm erneuert. Eine neugotische Steinspitze mit gusseiserner Pyramide und Laterne trat an die Stelle der oberen Fachwerkkonstruktion des alten Turms mit dem Satteldach. Auch das große Westportal mit dem darüber liegenden Fenster wurde erst jetzt erschaffen.

Dem Bau des neugotischen Kirchenschiffs 1853 bis 1855 mit seinen hohen Emporen und Gewölben lagen dann Pläne des bekannten Baumeisters Christian Leins zugrunde. Beim Abbruch der alten Kirche im Jahr 1853 wurde die Renaissancekanzel aus der Zeit 1595 stammend, abgebaut und beiseite gestellt. Nach einer Bauzeit von nur 19 Monaten konnte das im Volksmund Filderdom genannte Gotteshaus am 11. November 1855 - dem Namenstag des Kirchenheiligen Sankt Martin - seiner Bestimmung übergeben werden.

Trotz aller äußerer Pracht traten schon nach kurzer Zeit bauliche Mängel offen zutage. Die Kosten für den laufenden Unterhalt wurden ein kaum zu lösendes Problem für die Gemeinde. Sämtliche Versuche, den Zerfall der Kirche aufzuhalten blieben Flickwerk so, dass das gesamte Gebäude bereits 1935 generalüberholt werden musste. Am 20. Oktober 1935 konnte die neuerliche Einweihung stattfinden.

Neun Jahre nach Abschluss der Renovierungsarbeiten an der Martinskirche wurde das Gebäude in der Nacht vom 15. auf den 16. März 1944 durch einen Luftangriff der Alliierten praktisch vollständig zerstört. Bereits 4 Jahre später konnte nach der Währungsreform im Juni 1948 mit dem Wiederaufbau begonnen werden, wobei sich die Verbundenheit der Möhringer mit ihrer Kirche in einer fast "undenkbaren eigeninitiativen Tätigkeit" äußerte. Am 16. Oktober 1949 wurde das wiederhergestellte Gotteshaus geweiht. Infolge der Wirtschaftslage der Zeit konnte die Kirche nur vereinfacht restauriert werden. Äußerlich machte sich das an der vereinfachten Turmspitze bemerkbar, im Inneren musste vor allem auf die hochgemauerten, alten Gewölbe verzichtet werden. Eine eingezogene Holzdecke trennt seither die zweite Empore vom heutigen Kirchenraum ab.

Ende des 20. Jahrhunderts waren Schäden an der Außenfassade sowie an den Dächern der Kirche kaum mehr zu übersehen. Nachdem die laufenden Unterhaltskosten für notwendige Sanierungsarbeiten stark angestiegen waren hat die Gesamtkirchengemeinde Möhringen Ende 2000 eine Außensanierung der Kirche beschlossen. Bereits Ende 2002 konnten in einem 1. Bauabschnitt die Arbeiten am Chor der Kirche abgeschlossen werden. 2004 folgten die Arbeiten am Turm. Dank der großen Spendenbereitschaft der Möhringer Bürger konnten auf den Giebeln der 4 Schallläden Kreuzblumen errichtet werden, die an das Erscheinungsbild des "Filderdoms" vor dem Krieg erinnern.

Kunstkeramischen Werkstätten Probst & Kluge

Der Probstsee in Möhringen war die frühere Lehmgrube der Ziegelei Probst. Die ehemalige Villa Probst existiert noch und ist heute ein Seniorenheim. Auf dem Grundstück der Ziegelei gründete später Gottlob Auwärter die Firma Neoplan Omnibusse.


Das Keramik-Geschäft blüht nur wenige Jahre

Die Industrialisierung kam in Möhringen nur zögerlich in Schwung. Die 1844 von Karl Widmaier gegründete Brauerei wuchs zwar zu einem Großbetrieb heran, wurde aber schon 1912 an die Stuttgarter Brauerei Wulle verkauft und stillgelegt. Die 1854 entstandene Wagnerei Auwärter nahm 1899 die erste Dampfmaschine des Filderortes in Betrieb. Das Hauptprodukt des Betriebes, die so genannten Windfegen, zimmerten die Arbeiter jedoch noch weitgehend handwerklich zusammen – die auch Putzmühlen genannten Windfegen halfen den Bauern bei der Trennung von Spreu und Weizen. Nur kurz bestand hier gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Zigarrenfabrik.

Ab 1868 schufteten die Arbeiter in der Gemeindeziegelei, die der Degerlocher Fabrikant Karl Kühner 1889 übernahm und zur Dampfziegelei ausbaute. Er gab den Betrieb 1918 auf, die Gemeinde kaufte ihn zurück und ließ ihn von Geschäftsführern bis zur Mitte der 30er-Jahre weiterbetreiben. Eine ähnliche Lebensdauer hatte eine zweite Ziegelei in Möhringen, die von Berthold Probst. Der kaufte 1893 eine kleine, am Ortsrand Richtung Vaihingen gelegene Tongrube und baute sie zu einem umfangreichen Unternehmen aus. Es produzierte massenhaft Baustoffe wie Backsteine, Ziegel und Schamottesteine für Öfen und Kamine. Die aufstrebende Residenzstadt Stuttgart gierte geradezu nach derartigen Materialien zum Bau der zahlreichen Stadterweiterungen des späten 19. Jahrhunderts.

Im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg brach die Bauwirtschaft zusammen. Probst tat sich deshalb 1919 mit dem Kunstgewerbelehrer für Keramik, Max Kluge, zusammen und gründete die „Kunstkeramischen Werkstätten Probst & Kluge“. Ein Text aus dem Möhringer Heimatmuseum verrät die Produktpalette: „große und kleine Tierfiguren, Krüge, Kannen, Vasen, Wandteller und Wandornamente, Keramikbrunnen mit Brunnenknaben und Pelikan, Kleinkeramik für Puppenstuben“. Doch nur wenige Jahre blühte das Geschäft; Kluge verließ 1924 das Unternehmen, Probst starb 1925. Seine Familie führte den Betrieb weiter, doch die Wirtschaftskrise der frühen 30er-Jahre traf auch diese Firma. Sie musste 1934 stillgelegt werden.

In der Fabrikantenvilla befindet sich heute ein kleines Altersheim. Die ehemalige Lehmgrube füllte sich mit Regen- und Grundwasser, nach und nach bildete sich ein richtiger See, der allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg zur Schaffung von Gartenland verkleinert wurde. Die Baulichkeiten kaufte Gottlob Auwärter jr., der dort zunächst Karosserien, später ganze Omnibusse bauten ließ.

 Mit freundlicher Genehmigung der Filderzeitung vom 30.10.2012, U. Gohl


Möhringer Badstube

Die Farbe ist hartnäckig. Auch zwei Tage nachdem Katrin Schöning mit ihrem Mann die Wände in einem Zimmer im Obergeschoss gestrichen hat, zeichnen sich in ihren Handflächen zarte, weiße Spuren ab. „Wir haben mit Kalk gestrichen“, erzählt sie. Die Farbe hat das Paar selbst angerührt – mit Quark, Ei, Wasser, Leinöl und Kalk. „Bei herkömmlicher Farbe könnte die Feuchtigkeit nicht mehr nach außen dringen“, sagt die Denkmalpflegerin und Bauforscherin, die derzeit an ihrer Doktorarbeit schreibt.

Der denkmalgeschützte Bau an der Pezoldstraße 1 ist die einstige Möhringer Badstube. In schnörkeliger Aufschrift ist die Jahreszahl 1426 auf die Fassade gemalt. „Damals – so habe ich es im Archiv in Esslingen gelesen – hat Eberlin Bader seine Tochter an Esslingen übergeben“, sagt sie. Das Haus hat Schöning mit ihrem Mann, einem Wirtschaftsingenieur, vor zweieinhalb Jahren gekauft. Seitdem planen, werkeln, entdecken und untersuchen sie, seit einem dreiviertel Jahr bewohnen sie ein paar Räume im Erdgeschoss. „Wir versuchen zu erhalten, was zu erhalten ist“, erklärt Schöning ihr Sanierungskonzept. „Und das, was Schäden anrichten könnte, wird entfernt.“ Im künftigen Wohnzimmer hat Schöning mit einer befreundeten Restauratorin eine Renaissancemalerei entdeckt. Im Obergeschoss kamen Begleitstriche zum Vorschein und eine Holzrestauratorin legte alte Holzdielen frei.

Bis ins 18. Jahrhundert hinein war das Badehaus der Treffpunkt der Möhringer. Regelmäßig kamen sie dort zur Körperpflege zusammen. Die Öffentlichkeit soll nun am Sonntag, 9. September, beim Tag des offenen Denkmals zum Thema „Holz“ wieder einen Einblick in die alten Gemäuer bekommen. Dann öffnet das Ehepaar von 11 bis 13Uhr und von 14 bis 18Uhr die Tür zu ihrem Eigenheim. Um 11 Uhr und um 14 Uhr bietet Schöning Führungen an.

„Obwohl man vom düsteren Mittelalter spricht und es heißt, die Menschen wären nicht so reinlich gewesen, so legten sie mit Badstuben schon Wert auf Hygiene“, sagt Schöning. Spuren der Einrichtung gibt es noch vor allem im Untergeschoss, das vermutlich im Mittelalter das Erdgeschoss gewesen ist, und im heutigen Erdgeschoss.

„Ich vermute, dass dort der Eingang war“, sagt Schöning und fährt mit einer Taschenlampe die Umrisse eines Türrahmens im Mauerwerk im Keller nach. In einem Vorraum, so vermutet die Denkmalpflegerin, könnten sich die Möhringer gesäubert und Dreck von der Straße abgeklopft haben, ehe es in die Badstube ging. „Acht Brunnen soll es hier unten im Keller angeblich geben“, sagt Schöning. „Wir haben bisher aber nicht alle gefunden.“

In einem weiteren Raum lassen sich Reste eines Badeofens und möglicherweise einer Heizkammer erkennen. Im Erdgeschoss waren Ruhe- und Behandlungsräume, oben hat der Bader, der Betreiber des Badehauses, gewohnt. Er hat laut Schöning auch kleinere medizinische Eingriffe übernommen, hat Zähne behandelt, schnitt Haare oder stutzte Bärte. Warum sie gerade die Badstube gekauft haben? „Es war eigentlich zunächst eher ein Witz“, sagt sie. „Wir haben eigentlich gar nichts gesucht.

Mit freundlicher Genehmigung der Filderzeitung vom 7. September 2012, Stefanie Käfferlein, Originaltitel "Erhalten, was zu erhalten ist"

Das schönste Rathaus im Oberamtsbezirk

Möhringen gehörte wie Vaihingen bis 1802 zum Spital beziehungsweise zur Stadt Esslingen. Dann kam es, im Zuge der Neuordnung des Landes „von Napoleons Gnaden“, zu Württemberg. Zunächst bildete es zusammen mit Vaihingen und der ehemaligen Reichsstadt das neue Oberamt Esslingen. Im Jahre 1806, nachdem Kurfürst Friedrich die Königswürde angenommen hatte, ließ er die Verwaltung erneut reformieren und schlug Möhringen zum Amtsoberamt Stuttgart.

Zu jener Zeit lenkten die Schultheißen die Geschicke des Gemeinwesens von einem kleinen, dem Spital gehörenden Rathaus aus, das gegenüber dem Chor der (alten) Kirche stand. Das Gebäude wurde zu klein, nachdem die kommunalen Aufgaben langsam, aber stetig gewachsen waren. Die Gemeinde verkaufte das Haus – es wurde 1841 abgebrochen – und erwarb stattdessen von einem gewissen Abraham Neef ein Grundstück mit der heutigen Adresse Maierstraße 1. 1836/37 war es dann soweit: Nach Plänen des württembergischen Baurats Friedrich Bernhard Adam (von) Groß (1783-1861) und des Degerlochers Wilhelm Zaiser ließen sich die Möhringer ein neues Rathaus errichten. Dafür griffen sie tief in die Gemeindeschatulle: Das Bauwerk kostete nicht weniger als 14 300 Gulden. Die Investition hat sich gelohnt, denn die Oberamts- beschreibung von 1851 lobt das Rathaus, es sei „gut eingerichtet und das schönste im Oberamtsbezirk“ – und es tut bis heute seinen Dienst.

Stilistisch ist der Bau dem Klassizismus zuzuordnen, der auch in Württemberg zu jener Zeit schwer in Mode war. Kurz vor dem hiesigen Rathaus hatte der König das Schloss Rosenstein (1824- 29), kurz danach das Wilhelma-Theater (1838-40) und den Königsbau (1855-59) in diesem Stil erstellen lassen. Neben den großen Repräsentativbauten zeigten bald auch Wohnhäuser und eben kleinere öffentliche Gebäude diese Architektursprache. Der Bauhistoriker Dr. Bernd Langner hat in einem Beitrag zur Gablenberger Schulgeschichte auf die Vergleichbarkeit des Möhringer Rathauses mit der dortigen, gleichzeitig erbauten (Alten) Schule (vor den vielen Umbauten) sowie mit dem Möhringer Schulhaus von 1848 (heutige Adresse: Oberdorfplatz 16) hingewiesen. Nebenbei: Man blickt auf dem Foto in die Maiergasse. Bei dem Gebäude rechts neben dem Rathaus handelt es sich um den traditionsreichen Gasthof zum Hirsch; das angeschnittene Gebäude rechts ist laut Heimatbuch (1985) das Haus Gustav Brodbeck.

Mit freundlicher Genehmigung der Filderzeitung vom 21.08.2012, U. Gohl

Adresse
Heimatmuseum Möhringen
Filderbahnstr. 29
3. Stock
70567 Stuttgart Möhringen 

Kontakt
Web:
www.ilm-ev.de
Email:
info@ilm-ev.de
Telefon:
+49 711 711 119

Öffnungszeiten

Samstag 10-12Uhr
bei Sonderaustellungen auch Sonntag 14-16Uhr


Sonderführungen für Gruppen nach Terminvereinbarung


Impressum

Initiative Lebensraum Möhringen-Fasanenhof-Sonnenberg e. V. (ILM)


Obere Brandstr. 35

70567 Stuttgart 

+49 7 11 719 4261